Schlagwort: Techno Overload

  • Technostress und digitale Resilienz

    Die fortschreitende Digitalisierung der Arbeitswelt hat die Arbeitsorganisation, Kommunikationsstrukturen und Leistungsanforderungen grundlegend verändert. Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) ermöglichen zwar Effizienzsteigerungen und Flexibilisierung, gehen jedoch zugleich mit neuen psychischen Belastungen einher. In diesem Zusammenhang hat sich das Konzept des Technostress als zentraler Erklärungsansatz etabliert, um stressbedingte Reaktionen im Umgang mit Technologien zu erfassen. Der vorliegende Beitrag gibt einen Überblick über die Entwicklung des Technostress-Konzepts sowie über zentrale empirische Forschungsergebnisse seit dessen theoretischer Erweiterung durch Tarafdar et al. im Jahr 2007.

    Technostress-Konzepts

    Der Begriff Technostress wurde erstmals von Craig Brod in den 1980er-Jahren geprägt. Brod definierte Technostress als eine moderne Anpassungskrankheit, die aus der Unfähigkeit resultiert, angemessen mit neuen Computertechnologien umzugehen. Der Fokus lag dabei vor allem auf individuellen Überforderungsreaktionen, die durch den Einsatz von Informationssystemen ausgelöst werden.

    Mit der zunehmenden Verbreitung digitaler Technologien in Organisationen erwies sich diese individualpsychologische Perspektive jedoch als unzureichend. Insbesondere die Vernetzung, Mobilität und permanente Verfügbarkeit moderner Technologien machten deutlich, dass Technostress nicht allein auf mangelnde Kompetenzen zurückzuführen ist, sondern strukturelle und organisationale Ursachen besitzt.

    Einen entscheidenden theoretischen Fortschritt erzielte die Arbeit von Tarafdar et al. (2007), die Technostress als mehrdimensionales Konstrukt konzeptualisierten. Aufbauend auf Brods Ansatz identifizierten sie fünf zentrale Technostressoren, die auf Mitarbeitende einwirken:

    Techno-Overload

    Beschreibt das Gefühl, durch den Einsatz von Technologien gezwungen zu sein, schneller zu arbeiten, mehr Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen und größere Informationsmengen zu verarbeiten.

    Techno-Invasion

    Bezieht sich auf die Auflösung der Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben durch ständige Erreichbarkeit, etwa durch E-Mails, Smartphones oder Kollaborationstools.

    Techno-Complexity

    Kennzeichnet die Wahrnehmung, dass Technologien zu komplex sind und die eigenen Fähigkeiten übersteigen, was zu Unsicherheit und Kompetenzzweifeln führen kann.

    Techno-Insecurity

    Umfasst die Angst, den eigenen Arbeitsplatz an technologisch besser qualifizierte Personen oder automatisierte Systeme zu verlieren.

    Techno-Uncertainty

    Beschreibt die Belastung durch kontinuierliche technologische Veränderungen, Updates und Systemwechsel, die bestehendes Wissen entwerten und permanentes Lernen erfordern.

    Diese Systematisierung ermöglichte erstmals eine differenzierte empirische Erfassung von Technostress und bildete die Grundlage für zahlreiche Folgeuntersuchungen.

    Zentrale empirische Forschungsergebnisse

    Empirische Studien der letzten Jahre zeigen konsistent, dass Technostress signifikante Auswirkungen auf individuelle und organisationale Zielgrößen hat. Hohe Ausprägungen der genannten Technostressoren stehen in Zusammenhang mit:

    • erhöhter emotionaler Erschöpfung und Burnout-Symptomen,
    • sinkender Arbeitszufriedenheit,
    • verringerter organisationaler Bindung sowie
    • Leistungs- und Produktivitätseinbußen.

    Besonders stark wirken sich Techno-Overload und Techno-Invasion auf das psychische Wohlbefinden aus, da sie direkt mit Zeitdruck, Multitasking und fehlender Erholung verbunden sind. Techno-Complexity und Techno-Uncertainty zeigen hingegen enge Zusammenhänge mit Lernstress und wahrgenommener Selbstwirksamkeit. Techno-Insecurity wird vor allem in Phasen organisationaler Transformation und Digitalisierung als relevanter Stressor identifiziert.

    Gleichzeitig weisen Studien darauf hin, dass organisationale Ressourcen – etwa Schulungen, technische Unterstützung, klare Erreichbarkeitsregeln und partizipative Einführungsprozesse – die negativen Effekte von Technostress deutlich abmildern können.

    Die Forschung zu Technostress verdeutlicht, dass digitale Technologien nicht per se belastend sind, sondern ihre stressauslösende Wirkung maßgeblich von der organisationalen Gestaltung abhängt. Technostress ist somit weniger ein individuelles Defizit als vielmehr ein Ausdruck unzureichend gestalteter soziotechnischer Systeme.

    Für Organisationen ergibt sich daraus die Notwendigkeit, Technostress als Bestandteil des betrieblichen Gesundheitsmanagements zu berücksichtigen. Präventive Maßnahmen sollten sowohl auf individueller Ebene (Kompetenzentwicklung, Stressbewältigung) als auch auf struktureller Ebene (Arbeitszeitregelungen, Technologiegestaltung) ansetzen.

    Digitale Resilienz erreichen

    Technostress kann durch verschiedene individuelle und organisationale Resilienzfaktoren wirksam abgefedert werden. Auf individueller Ebene spielen insbesondere digitale Selbstwirksamkeit, kontinuierliche Kompetenzentwicklung sowie adaptive Bewältigungsstrategien eine zentrale Rolle, da sie das Gefühl von Kontrolle im Umgang mit Technologien stärken und Überforderungswahrnehmungen reduzieren. Ebenso fördert psychologische Resilienz, etwa in Form von Stressbewältigungsfähigkeiten, Achtsamkeit und Erholungsfähigkeit, den konstruktiven Umgang mit technoinduzierten Belastungen. Auf organisationaler Ebene wirken klare Strukturen und unterstützende Rahmenbedingungen als Schutzfaktoren, darunter eine nutzerfreundliche Technologiegestaltung, ausreichende Schulungs- und Unterstützungsangebote sowie transparente Kommunikations- und Veränderungsprozesse. Darüber hinaus tragen Führungskräfte durch gesundheitsorientiertes Führungsverhalten, realistische Leistungserwartungen und verbindliche Regelungen zur Erreichbarkeit wesentlich dazu bei, insbesondere Techno-Overload und Techno-Invasion zu begrenzen. In der Kombination ermöglichen diese Resilienzfaktoren eine nachhaltige Anpassung an digitale Arbeitsanforderungen und mindern langfristig die negativen Auswirkungen von Technostress.

    Corporate Learning als Resonanzboden einrichten

    Unternehmen und Führungskräfte können Technologiestress wirksam vorbeugen, wie zahlreiche empirische Studien belegen, indem sie gezielt organisationale und führungsbezogene Maßnahmen implementieren. Tarafdar et al. (2007, 2011) zeigen, dass sogenannte Technostress Inhibitors – darunter umfassende Schulungsangebote, leicht zugängliche technische Unterstützung und eine nutzerorientierte Systemgestaltung – die negativen Effekte von Techno-Overload, Techno-Complexity und Techno-Uncertainty signifikant reduzieren und zugleich Arbeitszufriedenheit sowie individuelle Leistungsfähigkeit steigern. Ragu-Nathan et al. (2008) weisen empirisch nach, dass wahrgenommene organisationale Unterstützung den Zusammenhang zwischen Technostress und emotionaler Erschöpfung deutlich abschwächt. Ergänzend belegen Studien von Derks, van Duin, Tims und Bakker (2015), dass klare organisationale Regelungen zur Erreichbarkeit sowie ein vorbildhaftes Abschaltverhalten von Führungskräften die Belastung durch Techno-Invasion und die daraus resultierende Work-Life-Konflikterfahrung signifikant senken. Darüber hinaus zeigen Fuglseth und Sørebø (2014), dass die frühzeitige Einbindung von Mitarbeitenden in Technologieeinführungen sowie transparente Kommunikationsprozesse Techno-Insecurity und Techno-Uncertainty wirksam verringern. Insgesamt verdeutlichen diese Studienergebnisse, dass Technologiestress weniger eine unvermeidbare Begleiterscheinung der Digitalisierung ist, sondern maßgeblich durch präventive Organisationsgestaltung und gesundheitsorientiertes Führungsverhalten beeinflusst werden kann.

    Technologiestress abbauen

    Mitarbeitende können Technologiestress durch gezielte individuelle Strategien reduzieren, was durch mehrere empirische Studien belegt ist. Tarafdar et al. (2007; 2011) zeigen in quantitativen Untersuchungen mit Beschäftigten aus wissensintensiven Berufen, dass eine hohe technologiebezogene Selbstwirksamkeit und kontinuierliche Kompetenzentwicklung signifikant negativ mit den Technostressoren Techno-Complexity und Techno-Uncertainty korrelieren. Ayyagari, Grover und Purvis (2011) weisen zudem nach, dass aktives Aufmerksamkeits- und Unterbrechungsmanagement, etwa der bewusste Umgang mit E-Mails und Systembenachrichtigungen, die wahrgenommene Überlastung und Stressreaktionen deutlich verringert. In Bezug auf Erholung zeigen die Studien von Sonnentag und Fritz (2007) sowie Derks, van Duin, Tims und Bakker (2015), dass psychologisches Detachment von der Arbeit außerhalb der Arbeitszeit insbesondere bei intensiver Nutzung mobiler Endgeräte mit geringerer emotionaler Erschöpfung und höherem Wohlbefinden einhergeht. Darüber hinaus belegen Ragu-Nathan et al. (2008), dass die aktive Nutzung sozialer Unterstützung – etwa durch kollegialen Austausch oder das Einholen technischer Hilfe – die negativen Auswirkungen von Technostress auf Arbeitszufriedenheit und Commitment signifikant abschwächt. Insgesamt verdeutlichen diese Studien, dass Mitarbeitende Technologiestress durch kompetenzorientierte, verhaltensbezogene und ressourcenbasierte Bewältigungsstrategien wirksam begegnen können.

    KI-Stress?

    Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) verändert Technologiestress nachweislich, wie aktuelle Studien zeigen, sowohl durch die Verstärkung bestehender Technostressoren als auch durch das Hinzutreten neuer Belastungsdimensionen. Raisch und Krakowski (2021) zeigen, dass KI zwar Arbeitsprozesse effizienter macht, gleichzeitig jedoch Unsicherheit über Rollen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungslogiken erhöht, was insbesondere Techno-Uncertainty verstärkt. Studien von Brougham und Haar (2018) belegen, dass der Einsatz intelligenter Systeme mit erhöhter Techno-Insecurity einhergeht, da Beschäftigte verstärkt Angst vor Arbeitsplatzverlust oder Kompetenzentwertung durch Automatisierung empfinden. Darüber hinaus zeigen Kellogg, Valentine und Christin (2020), dass algorithmische Steuerung und KI-gestützte Leistungsüberwachung das Gefühl von Kontrollverlust und permanente Bewertungsangst fördern, was neue Formen technoinduzierter Belastung erzeugt. Gleichzeitig weisen Rai et al. (2019) empirisch nach, dass erklärbare KI-Systeme, transparente Entscheidungslogiken sowie gezielte Schulungen die Stresswahrnehmung signifikant reduzieren und das Vertrauen in KI erhöhen. Insgesamt verdeutlichen diese Studien, dass KI-Technologien Technostress nicht zwangsläufig erhöhen, sondern dessen Ausprägung maßgeblich von Gestaltungsfaktoren wie Transparenz, Partizipation und Kompetenzaufbau abhängt.

    Seit der Erweiterung des ursprünglichen Technostress-Konzepts durch Tarafdar et al. hat sich Technostress als etabliertes und empirisch gut belegtes Konstrukt in der Arbeits- und Organisationsentwicklung etabliert. Die Identifikation zentraler Technostressoren ermöglicht ein differenziertes Verständnis digitaler Belastungen und bietet zugleich Ansatzpunkte für gezielte Interventionen. Angesichts der weiter zunehmenden Digitalisierung bleibt Technostress ein hoch relevantes Thema für die Arbeitseffizienz  und Produktivität.