„Personality intervention affects emotional stability and extraversion similarly in older and younger adults“ (Küchler et al., 2025)
Die Studie „Personality intervention affects emotional stability and extraversion similarly in older and younger adults“ (Küchler et al., 2025) untersucht die Frage, inwiefern sich Persönlichkeitsmerkmale durch gezielte Interventionen über die gesamte Lebensspanne hinweg verändern lassen. Dabei wird insbesondere geprüft, ob ältere Erwachsene in gleichem Maße wie jüngere von Maßnahmen zur Persönlichkeitsveränderung profitieren können. Die Untersuchung leistet damit einen Beitrag zur Persönlichkeitspsychologie, da traditionelle Annahmen häufig davon ausgehen, dass Persönlichkeit im höheren Alter weitgehend stabil und nur begrenzt veränderbar ist.
Im Zentrum steht die Annahme, dass Persönlichkeit nicht ausschließlich ein festes, unveränderliches System darstellt, sondern durch gezielte Interventionen beeinflusst werden kann. Frühere Forschung hat gezeigt, dass viele Menschen aktiv danach streben, bestimmte Eigenschaften wie emotionale Stabilität oder Extraversion zu entwickeln, jedoch führen bloße Veränderungsabsichten häufig nicht zu nachhaltigen Effekten. Theoretische Modelle gehen daher davon aus, dass langfristige Veränderungen von Persönlichkeitsmerkmalen durch wiederholte Veränderungen im Verhalten und Erleben im Alltag entstehen. Zudem wird zwischen expliziten Selbstkonzepten, also bewussten Selbsteinschätzungen, und impliziten Selbstkonzepten unterschieden, die automatische, oft unbewusste Selbstbewertungen widerspiegeln.
Der Weg zum Studienergebnis
Zur Überprüfung dieser Annahmen führten die Forschenden eine präregistrierte, longitudinale Interventionsstudie mit 165 Teilnehmenden im Alter zwischen 19 und 78 Jahren durch. Die Stichprobe umfasste sowohl jüngere als auch ältere Erwachsene, wodurch ein direkter Altersvergleich möglich wurde. Die Teilnehmenden nahmen an einem achtwöchigen sozio-emotionalen Trainingsprogramm teil, das gezielt auf die Förderung emotionaler Stabilität und Extraversion ausgerichtet war. Das Programm beinhaltete psychoedukative Inhalte, Übungen zur Emotionsregulation, Verhaltensübungen zur Förderung sozialer Interaktion sowie Selbstreflexionsaufgaben. Die ersten vier Sitzungen konzentrierten sich auf die Verbesserung emotionaler Stabilität, während die letzten vier Sitzungen auf die Förderung extravertierten Verhaltens abzielten.
Zur Erfassung möglicher Veränderungen wurden mehrere Messmethoden eingesetzt. Explizite Persönlichkeitsmerkmale wurden mithilfe standardisierter Selbstberichte erfasst, während implizite Selbstkonzepte durch einen Implicit Association Test gemessen wurden. Zusätzlich dokumentierten die Teilnehmenden regelmäßig ihre momentanen Persönlichkeitszustände im Alltag, um Veränderungen im Verhalten und emotionalen Erleben während der Intervention zu erfassen.
Die Ergebnisse zeigen, dass das Trainingsprogramm signifikante Veränderungen sowohl in Persönlichkeitszuständen als auch in stabileren Persönlichkeitsmerkmalen bewirken konnte. Insbesondere wurden Verbesserungen in den expliziten Selbstkonzepten der emotionalen Stabilität und der Extraversion festgestellt. Darüber hinaus zeigten sich Veränderungen im impliziten Selbstkonzept der Extraversion, während entsprechende Effekte für emotionale Stabilität weniger deutlich ausfielen. Dies deutet darauf hin, dass bewusste Selbstbewertungen und automatische Selbstassoziationen unterschiedlich stark durch Interventionen beeinflusst werden können.
Ein zentrales Ergebnis der Studie betrifft die Altersunterschiede in der Wirksamkeit der Intervention. Entgegen der verbreiteten Annahme einer geringeren Veränderbarkeit der Persönlichkeit im höheren Alter zeigten ältere Erwachsene vergleichbare Veränderungen wie jüngere Teilnehmende. Die Ergebnisse legen somit nahe, dass die Persönlichkeit auch im späteren Lebensverlauf eine hohe Plastizität aufweist. Teilweise zeigte sich sogar ein stärkeres Engagement älterer Teilnehmender im Trainingsprozess, was mögliche altersbedingte Unterschiede in Lernprozessen kompensieren könnte.
Die Studie liefert damit wichtige theoretische Implikationen für Modelle der Persönlichkeitsentwicklung. Sie unterstützt die Annahme, dass Persönlichkeitsveränderungen durch wiederholte Veränderungen von Verhalten und Selbstwahrnehmung entstehen und dass solche Prozesse über die gesamte Lebensspanne hinweg möglich sind. Gleichzeitig verdeutlichen die Befunde, dass unterschiedliche psychologische Mechanismen an der Veränderung expliziter und impliziter Persönlichkeitsaspekte beteiligt sein können.
Trotz ihrer Bedeutung weist die Studie einige Einschränkungen auf, darunter die begrenzte Stichprobengröße sowie die Konzentration auf gesunde, freiwillige Teilnehmende, wodurch die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Bevölkerungsgruppen eingeschränkt sein könnte. Zukünftige Forschung sollte daher größere Stichproben und weitere Persönlichkeitsdimensionen untersuchen sowie langfristige Effekte stärker berücksichtigen.
Implikationen der Studie für Lernen in Organisationen und Personalentwicklung
Die Ergebnisse der Studie von Küchler et al. (2025) haben bedeutende Implikationen für organisationales Lernen, Personalentwicklung und lebenslanges Lernen im beruflichen Kontext. Insbesondere die nachgewiesene Veränderbarkeit von Persönlichkeitsmerkmalen unabhängig vom Alter stellt zentrale Annahmen in der Organisationspsychologie und im Human Resource Management infrage.
Lebenslanges Lernen und Altersdiversität
Ein zentraler Befund der Studie ist, dass ältere Erwachsene in vergleichbarem Maße wie jüngere Teilnehmende von Interventionen zur Persönlichkeitsentwicklung profitieren. Für Organisationen bedeutet dies, dass altersbezogene Annahmen über begrenzte Lernfähigkeit oder geringere Veränderungsbereitschaft älterer Beschäftigter wissenschaftlich nicht gestützt werden.
Diese Erkenntnis unterstützt Konzepte des lebenslangen Lernens und spricht für:
- die gleichwertige Einbindung älterer Mitarbeitender in Trainingsprogramme,
- die Förderung altersdiverser Lernumgebungen,
- die Überwindung altersbezogener Stereotype in Personalentwicklung und Weiterbildung.
Organisationen können somit davon ausgehen, dass auch im späteren Erwerbsleben sozio-emotionale Kompetenzen und arbeitsrelevante Persönlichkeitsmerkmale gezielt entwickelt werden können.
Entwicklung arbeitsrelevanter Persönlichkeitsmerkmale
Die in der Studie untersuchten Persönlichkeitsdimensionen – emotionale Stabilität und Extraversion – sind eng mit zentralen organisationalen Variablen verbunden. Emotionale Stabilität steht in Zusammenhang mit Stressbewältigung, Resilienz und Arbeitszufriedenheit, während Extraversion häufig mit Teamfähigkeit, Führungskompetenz und Kommunikationsverhalten assoziiert wird.
Die nachgewiesene Veränderbarkeit dieser Merkmale deutet darauf hin, dass Organisationen Persönlichkeitsentwicklung gezielt fördern können, etwa durch:
- Trainings zur Emotionsregulation und Stressbewältigung,
- Programme zur Förderung sozialer Kompetenzen und Kommunikation,
- Coaching- und Feedbackprozesse zur Selbstreflexion.
Dies erweitert das klassische Verständnis von Personalentwicklung, das häufig primär auf Wissens- und Kompetenzvermittlung ausgerichtet ist, um eine stärker personenbezogene Perspektive.
Bedeutung von Verhaltensänderungen für organisationales Lernen
Die Studie bestätigt theoretische Annahmen, dass stabile Persönlichkeitsveränderungen durch wiederholte Veränderungen von Verhalten und situativen Zuständen entstehen. Für Organisationen bedeutet dies, dass nachhaltiges Lernen nicht allein durch einmalige Schulungen erreicht werden kann, sondern kontinuierliche Lerngelegenheiten und praktische Anwendungsmöglichkeiten erfordert.
Effektive organisationalen Lernstrategien sollten daher:
- regelmäßige Übungs- und Reflexionsphasen integrieren,
- arbeitsplatznahe Lernformate nutzen (z. B. Coaching, Mentoring, Feedbackzyklen),
- Lernprozesse über längere Zeiträume begleiten.
Dies entspricht modernen Konzepten des erfahrungsbasierten Lernens und der kontinuierlichen Kompetenzentwicklung.
Implikationen für Veränderungsbereitschaft in altersdiversen Organisationen
Die Ergebnisse der Studie von Küchler et al. (2025) liefern wichtige Erkenntnisse zur Veränderungsbereitschaft von Individuen in unterschiedlichen Altersgruppen und haben damit weitreichende Bedeutung für das Verständnis organisationaler Veränderungsprozesse. In vielen Organisationen besteht die implizite Annahme, dass jüngere Mitarbeitende grundsätzlich offener für Veränderungen sind, während ältere Beschäftigte als weniger flexibel oder anpassungsfähig gelten. Die Befunde der Studie stellen diese Annahmen jedoch infrage.
Revision altersbezogener Annahmen über Veränderungsfähigkeit
Die Untersuchung zeigt, dass ältere Erwachsene in vergleichbarem Maße wie jüngere Personen von Interventionen profitieren und ihre Persönlichkeitsmerkmale verändern können. Dies deutet darauf hin, dass Veränderungsbereitschaft nicht primär durch das chronologische Alter bestimmt wird, sondern stärker von motivationalen, kontextuellen und lernbezogenen Faktoren abhängt.
Für Organisationen bedeutet dies, dass altersbezogene Stereotype über mangelnde Anpassungsfähigkeit älterer Mitarbeitender empirisch nur begrenzt haltbar sind. Vielmehr sollte Veränderungsfähigkeit als entwickelbare Ressource verstanden werden, die über die gesamte Erwerbsbiografie hinweg gefördert werden kann.
Altersdiversität als Ressource für organisationalen Wandel
Die vergleichbare Plastizität von Persönlichkeit in unterschiedlichen Altersgruppen eröffnet neue Perspektiven auf altersdiverse Belegschaften. Während jüngere Mitarbeitende häufig durch hohe Lernbereitschaft und Flexibilität gekennzeichnet sind, können ältere Beschäftigte durch stärkere Zielorientierung, Selbstregulation und Erfahrungswissen zum Erfolg von Veränderungsprozessen beitragen.
Die in der Studie beobachtete teilweise höhere Teilnahmebereitschaft älterer Personen deutet darauf hin, dass Veränderungsprozesse im späteren Lebensalter durch intrinsische Motivation, Sinnorientierung und reflektierte Lernstrategien unterstützt werden können. Altersdiversität kann somit nicht nur als Herausforderung, sondern als strategische Ressource für organisationale Anpassungsfähigkeit betrachtet werden.
Bedeutung für Change Management
Für das Change Management ergeben sich daraus mehrere praktische Implikationen. Erstens sollten Veränderungsprozesse nicht altersdifferenziert im Sinne unterschiedlicher Lernfähigkeit konzipiert werden, sondern vielmehr individuelle Motivations- und Unterstützungsbedarfe berücksichtigen. Zweitens verdeutlichen die Ergebnisse, dass nachhaltige Veränderungsbereitschaft durch strukturierte Interventionen, kontinuierliche Übung und Reflexion gefördert werden kann.
Organisationen können Veränderungsprozesse daher effektiver gestalten, wenn sie:
- Entwicklungsangebote für alle Altersgruppen gleichermaßen zugänglich machen,
- individuelle Lern- und Veränderungsziele unterstützen,
- Reflexions- und Feedbackprozesse systematisch integrieren,
- eine organisationsweite Kultur der Offenheit gegenüber persönlicher Entwicklung fördern.
Psychologische Sicherheit und Lernkultur
Darüber hinaus implizieren die Befunde, dass Veränderungsbereitschaft eng mit organisationalen Rahmenbedingungen zusammenhängt. Eine unterstützende Lernkultur und psychologische Sicherheit können die Bereitschaft zur persönlichen Entwicklung unabhängig vom Alter erhöhen. Wenn Mitarbeitende Veränderung als Lernchance und nicht als Bedrohung wahrnehmen, steigt die Wahrscheinlichkeit nachhaltiger Anpassungsprozesse.

